Besinnung

Liebe Leser,
in diesem Jahr stehen Wahlen an, die Europa- und Kommunalwahlen am 9. Juni und die Landtagswahl am 1. September. Die Kirchen sollen hierbei mit Zurückhaltung präsent sein und keinen Sprengstoff durch Wahlempfehlungen in die Gesellschaft hineintragen. Der Grund hierfür ist das biblische Menschenbild: A l l e Menschen sind Ebenbild Gottes, d.h. die Bibel weiß, dass sich Menschen ohne gemeinschaftliches Leben mit Gott bzw. mit ihrem Nächsten im Herzen unvollständig fühlen. Darum soll Kirche auf a l l e Menschen zugehen, um ihnen die Liebe Gottes zu verkünden. Und Kirche soll zur Gemeinschaft einladen – und zwar alle Menschen ohne Ansehen der Person (Jakobus 2). Für uns im vom biblischen Menschenbild geprägten Deutschland heißt dies: „Rasse, ethnische Herkunft, Geschlecht, Religion, Weltanschauung, Behinderung, Alter und sexuelle Identität“ dürfen kein Ausgrenzungsgrund sein (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz §1) – alle sind berufen, die frohe Botschaft von Jesus zu hören! Trotz dieser Klarheit gibt es immer wieder Stimmen, die gerade für die folgenden Monate von den Kirchen verstärkt Orientierung erwarten. Hierzu geben die Monatssprüche wesentliche Gedanken. So rät uns im Juli 2. Mose 23,2: „Wahrheit ist nicht immer das, was die Mehrheit denkt.“ Das heißt, nicht immer haben die recht, die in dieser Zeit am lautesten schreien. Und auch nicht jene, deren Meinung im Moment en vogue ist oder gar en vogue gemacht wird. Doch was ist nun „Wahrheit“? Die Verse der beiden anderen Monate geben eine Richtung an. So zeigt im August Psalm 147,3 die Folge auf, wenn Menschen versuchen nach der Wahrheit zu streben: „Der Herr heilt, die zerbrochenen Herzens sind, und verbindet ihre Wunden.“ Wo also Menschen nach Gott fragen und mit ihm leben, leben sie wahrhaftig. Dann werden sie heil und gesund. F o l g l i c h ordnen sich deren oft aufgewühlte Gedanken, neue Perspektiven öffnen sich, Angst verstummt, es gibt Lust auf Vergebung, und sie starten mit Weisheit und Verstand ins Leben neu. Zu nichts anderem ermutigt im Juni Mose sein Volk im 2. Mose 14,13: „Fürchtet Euch nicht! Bleibt stehen und schaut zu, wie der Herr euch heute rettet!“ Für Mose bzw. das biblische Zeugnis ergäben Angst oder ähnliches in diesen Wochen der Wahl keinen Sinn: Keiner muss sich einschüchtern oder sich gar eine Position aufdrängen lassen. Ein jeder Mensch ist frei zu wählen und er ist frei auch nicht zu wählen! Und frei ist die Wahl, wenn beim Wähler nicht Angst bzw. eine Ideologie so vehement im Vordergrund steht, dass er seinen Blick für andere Argumente verliert. Sondern: Mit Vertrauen in Gott, der auch morgen noch wirkt, muss sich keiner vor den Argumenten des politischen Gegenübers fürchten. Er darf sich sogar mit seinem Gegner befassen, dessen Argumente auf Momente heilender Wahrheit überprüfen und dann froh und fröhlich in der Wahlkabine entscheiden. Als mündiger Mensch.

Pfarrer Jan Schober